Lot 3
Vanitas still life
around 1630/40
Dutch 2nd quarter 17th century.
Oil on canvas, doubled
55 x 79 cm, (with frame 68 x 92 cm)
Expert report by Fred G. Meijer dated September 26, 2019 is available as a copy.
Provenance:Collection Dr. Alfred Kadisch, Vienna (1859-1930). C. J. Wawra, Vienna, auction 22-24 September 1930: The Collections of Dr. Alfred Kadisch and Eduard Perger, lot 49 (as "Petrus Schotanus", no ill.).
Private collection, Austria.
Literature: Documented since 1929 at the RKD, The Hague in a black and white photograph. Auction catalog C. J. Wawra, Vienna, September 22-24, 1930: The Collections of Dr. Alfred Kadisch and Eduard Perger, lot 49.
Vanitasstillleben
um 1630/40
Niederländisch
2. Viertel 17. Jahrhundert
Öl auf Leinwand, doubliert
55 x 79 cm, (mit Rahmen 68 x 92 cm)
Dieses großartige Vanitasstillleben ist eine verloren geglaubte Neuentdeckung. Es wurde bereits im Jahre 1929 im RKD in Den Haag dokumentiert und war dann bis heute in einer Wiener Privatsammlung verborgen. Leider ist der Künstler bis heute unbekannt. Die Tatsache, dass solch herausragende Gemälde anonymer Urheberschaft bleiben ist nicht ungewöhnlich. Dr. Fred Meijer schreibt in seinem ausführlichen Exposé von einem „most interesting painting of excellent quality that represents seventeenth-century ideas about life and death in an extraordinary manner.“ Möglicherweise handelt es sich um das skurrilste Vanitasstillleben das je geschaffen wurde. Eine Ikone dieser Thematik und für Sammler und Liebhaber ein einzigartiger Schatz.
Dieses faszinierende Gemälde ist ein einzigartiges Beispiel in der großen Gruppe der Vanitas-Stillleben, die im Europa des siebzehnten Jahrhunderts, besonders in den Niederlanden, gemalt wurden. Es kombiniert traditionelle Elemente dieses Genres, die für diesen Bildtypus üblich sind, mit ungewöhnlichen Motiven wie lebenden Tieren. Das Stillleben wurde in äusserst raffinierter Malweise ausgeführt, mit einer genauen Aufmerksamkeit für Details und einem feinen Verständnis für das Spiel des Lichts. Dies alles trägt zu dem Gefühl von Tiefe und Volumen des Bildes bei.
Der menschliche Schädel in der Mitte, die Kerze und das zerfledderte Buch verweisen auf die Kürze des menschlichen Lebens auf der Erde und die Eitelkeit und Vergänglichkeit der menschlichen Existenz.
Der Totenkopf ist das ultimative memento mori-Symbol ("Gedenke des Todes"). In vielen Vanitas-Stillleben tauchen Kerzen und/oder Zeitmesser auf, welche die Zeit repräsentieren, die tickt oder verbrennt. Die Kerze in diesem Gemälde ist bis auf einen winzigen Stumpf heruntergebrannt: Es ist nur noch wenig Zeit übrig und die Kerze ist endgültig erloschen. Bücher enthalten Texte, die den Menschen im Leben leiten können oder die Wissen und Weisheit festhalten, die an unsere irdische Existenz gebunden sind. Das kleine Buch, das den Schädel trägt, könnte ein Buch mit Gebeten oder Psalmen sein, das dem Menschen hilft, sich auf das Leben nach dem Tod vorzubereiten. Seltsamerweise ist der Einband des großen Buches in der Mitte mit (unleserlicher) Schrift versehen und sieht eher wie eine Seite im Inneren eines Buches aus, mit einem offenen rechteckigen Raum in der oberen linken Ecke, wahrscheinlich für einen (verzierten) Großbuchstaben. Die anderen Merkmale sind jedoch nicht allgemein mit dem Thema Vanitas oder Memento mori verbunden. Die Eule und die Fledermaus sind Tiere der Nacht und als solche Symbole des Schlafes und des Vergessens. Die Maus ist ein Aasfresser und sowohl Mäuse als auch Frösche werden von Eulen verspeist. Kröten, verwandt mit Fröschen, dienten gelegentlich auch als Symbol für den Tod. Ambrosius Bosschaert der Jüngere (1609-1645) malte um 1630 ein kleines Stillleben mit einem einzelnen toten Frosch, subtil, aber eindeutig als Vanitas-Stillleben gedacht. Die Trinkgefäße auf der rechten Seite - ein Zinnkrug, eine Glasflasche und ein Rummer - sind keine gewöhnlichen Symbole der Eitelkeit, sondern verweisen in diesem Zusammenhang wahrscheinlich auf irdische Freuden, die nach dem Tod zurückgelassen werden. Schließlich sind auch die Palette und die Pinsel keine üblichen Vanitas-Symbole, obwohl sie gelegentlich in Kombination mit regulären Vanitas-Symbolen wie einem Totenkopf vorkommen, etwa in einem Stillleben von Cornelis Norbertus Gijsbrechts (vor 1630-nach 1675) aus der Zeit um 1660. In einem solchen Kontext und auch hier verweisen die Utensilien des Malers wohl auf die Eitelkeit, irdische Dinge in Bildern festzuhalten, analog zur Eitelkeit, irdische Dinge in Büchern mittels Text festzuhalten.
Die Urheberschaft dieses Vanitas-Stilllebens bleibt leider vorerst ungeklärt. 1929 konsultierte der damalige Besitzer den bedeutenden niederländischen Kunsthistoriker Cornelis Hofstede de Groot (1863-1930), einen der besten Kenner der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts seiner Zeit. Anhand eines Schwarz-Weiß-Fotos kam de Groot zu dem Schluss, dass dieses Gemälde von dem friesischen Maler Petrus Schotanus (1610-1669/75) stammt.
Trotz Hofstede de Groots meist ausgezeichnetem Urteilsvermögen kann diese Zuschreibung im Nachhinein nicht aufrechterhalten werden. Im Gegensatz zu dem vorliegenden Gemälde war Schotanus' Handhabung eher kraftvoll und kühn, und seine Palette und Beleuchtung unterscheiden sich erheblich. Außerdem hat Schotanus, soweit bekannt, nie einen Schädel in seine Kompositionen einbezogen, so dass es rätselhaft ist, wie und warum de Groot zu seiner Schlussfolgerung kam. Zuschreibungen von unsignierten Gemälden können auf der Grundlage einer Kombination aus Stil und Handhabung, einschließlich der Palette, und der Wahl der Motive vorgenommen werden. Oftmals produzierten die Maler mehrere Werke, die das gleiche Thema darstellen, und verwendeten identische Objekte in mehr als einem Gemälde, was einen positiven Vergleich von signierten Werken mit unsignierten Beispielen ermöglicht. Bei Vanitas-Stillleben kann der Schädel aufgrund seiner individuellen Charakteristika, wie z. B. Form der Details, Anzahl und Platzierung der Zähne und spezifische Beschädigungen, oft hilfreich bei der Identifizierung des Malers sein.
Der Schädel auf diesem Gemälde hat zum Beispiel ein Loch in der Schläfe, was darauf schließen lässt, dass die Person, zu der er gehörte, möglicherweise eines gewaltsamen Todes gestorben ist. Bisher konnte jedoch kein Gemälde mit demselben Schädel identifiziert werden. Ebenso wenig konnte dieselbe Eule, Fledermaus, Maus oder einer der dargestellten Gegenstände in anderen Gemälden aufgespürt werden. Auch der Stil und die Handhabung im Allgemeinen konnten bisher nicht mit denen eines bekannten Malers in Verbindung gebracht werden. Wenn solche Ähnlichkeiten nicht gefunden werden können, ist es fast unmöglich, eine Zuschreibung zu erreichen. Dies ist jedoch nicht ungewöhnlich, da viele Gemälde des siebzehnten Jahrhunderts unattributiert bleiben, auch Werke von hoher Qualität, nicht zuletzt Vanitas-Stillleben. Anonyme Beispiele von hervorragender Qualität finden sich in bedeutenden Sammlungen, wie dem Mauritshuis in Den Haag und dem Rijksmuseum, Amsterdam, sowie in Privatsammlungen. Die Datierung eines Gemäldes kann auch anhand von stilistischen Merkmalen und anhand der dargestellten Gegenstände vorgenommen werden. Auch in dieser Hinsicht ist das vorliegende Gemälde außergewöhnlich. Die stilistischen Merkmale wie Licht, Komposition und Palette deuten auf die erste Hälfte, wahrscheinlicher aber auf das zweite Viertel des siebzehnten Jahrhunderts hin. Die eher monochrome, bräunliche Palette erinnert an die Werke der Haarlemer Maler von monochromen Stilleben und ebensolchen Landschaften, vor allem aus den 1630er Jahren. Die datierbaren Objekte jedoch, der Messingleuchter und die Trinkgefäße, sind zum Teil früher. Das Modell des Leuchters ist gotisch, was ihn vielleicht mehr als ein Jahrhundert früher als das Gemälde datieren würde. Und der schwere Zinnkrug scheint eher aus dem sechzehnten Jahrhundert zu stammen als später. Die Flasche und der Rummer hingegen sind aus dem siebzehnten Jahrhundert, wahrscheinlich nicht früher als um 1620. Es scheint also, dass der Maler auch bei der Wahl seiner Objekte mit der Zeitlichkeit spielte.
Die Verwendung einer solch monochromen Palette legt nahe, dass das Gemälde niederländisch ist, aber es sollte nicht ausgeschlossen werden, auch wegen seiner ungewöhnlichen Ikonographie, dass es das nicht ist und dass es vielleicht deutsch sein könnte. Ungeachtet dieser Unsicherheiten handelt es sich um ein höchst interessantes Gemälde von hervorragender Qualität, das die Vorstellungen des 17. Jahrhunderts über Leben und Tod auf außergewöhnliche Weise repräsentiert.
Dr. Alfred Kadisch, von dem überliefert ist, dass er dieses Gemälde am Ende seines Lebens, vielleicht auch schon viel früher besaß, war ein Wiener Jurist. Die 1930 durchgeführte Versteigerung seines Nachlasses umfasste 144 Lose, von denen fast die Hälfte Miniaturen waren. Die ersten 59 Lose im Auktionskatalog waren alte Gemälde, die meisten davon italienisch, und eine Reihe von niederländischen, flämischen und deutschen Werken, hauptsächlich Landschaften und Interieurs. Viele dieser Gemälde wiesen keine Zuschreibung auf. Nach den wenigen Werken zu urteilen, die im Auktionskatalog abgebildet waren, war die Gemäldesammlung von Kadisch nicht von nennenswerter Qualität, und so muss dieses Gemälde durch seine hohe Qualität aufgefallen sein.
Dr. Fred G. Meijer, ehem. RKD, Den Haag
Gutachten von Fred G. Meijer vom 26. September 2019 ist in Kopie vorhanden. Provenienz: Sammlung Dr. Alfred Kadisch, Wien (1859-1930). C. J. Wawra, Wien, Auktion 22.-24. September 1930: "Die Sammlungen Dr. Alfred Kadisch und Eduard Perger", Los 49 (als "Petrus Schotanus", ohne Abb.). Privatsammlung, Österreich. Literatur: Seit 1929 am RKD, Den Haag in einer schwarzweiß Photographie dokumentiert. Auktionskatalog C. J. Wawra, Wien, 22.-24. September 1930: "Die Sammlungen Dr. Alfred Kadisch und Eduard Perger", Los 49.
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